Denise Winter I Leo-Breuer-Preis 2020

Kategorie: Allgemein, Archiv, Ausstellung, Großer Raum, presse, Studio

Die Künstlerin Denise Winter erhält den Leo-Breuer-Preis 2020.
In ihren Werken richtet sie den Blick konsequent konzeptuell auf Landschaft, Stadt und Architektur und transformiert diese in geometrische Formen, Flächen und Strukturen. Die Wandarbeiten, Fotografien, Objekte und Rauminstallationen changieren zwischen der zweiten, dritten und vierten Dimension. Darüber hinaus schreibt sie Gedichte als Vorlage für Schreibmaschinenzeichnungen. Präzise planvoll und zugleich sinnlich setzt sie sich mit der visuellen Erfahrung von Welt, ihren Formen und Strukturen auseinander.
Der Leo-Breuer-Preis wird alle zwei Jahre vom Landschaftsverband Rheinland vertreten durch das LVR-LandesMuseum Bonn, in Kooperation mit der Gesellschaft für Kunst und Gestaltung vergeben.

Ausstellungsbeginn: Sonntag, 20. September 2020, 11–17 Uhr, in Anwesenheit der Künstlerin
Ausstellungsende: Sonntag, 20. Dezember 2020, 11–17 Uhr
Öffnungszeiten: Mi 15–18, Do 15–18, Fr 15–18, Sa 14–17, So 11–17
Rahmenprogramm: Über aktuelle Auflagen der Besucherführung nach der Coronaschutzverordnung sowie das Rahmenprogramm wird zeitnah hier auf unserer Webseite informiert und über den email newsletter.

©Foto: Denise Winter, aus der Serie W–Grafiken
www.denisewinter.de

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Laudatio von Anne Henk-Hollstein, Vorsitzende der Landschaftsversammlung Rheinland anlässlich der Verleihung des
Leo-Breuer-Förderpreises an Frau Denise Winter,
am Montag, 21. September 2020, 18:00 Uhr
im Max Ernst Museum Brühl des LVR in Brühl

Sehr geehrter Herr Bürgermeister Freytag, Kolleginnen und Kollegen aus der Landschaftsversammlung Rheinland, verehrter Herr Ufermann (Mitglied des Vorstandes der Gesellschaft für Kunst und Gestaltung Bonn), Frau Uelsberg, meine Damen und Herren, und – ganz besonders: sehr geehrte, liebe Denise Winter!

Ich heiße sie alle hier im Dorothea-Tanning Saal des Max Ernst Museums Brühl des LVR aufs Herzlichste willkommen. Den treuen Wegbegleiterinnen und Wegbegleitern unserer Veranstaltung zur Verleihung des Leo-Breuer-Förderpreises dürfte nicht entgangen sein, dass dies ein eher ungewöhnlicher Ort für unsere Feierstunde ist.

Dank der Corona-Krise haben wir das Glück, ein wenig reisen zu dürfen und sind so – anstatt im angestammten LVR-LandesMuseum in Bonn, das momentan noch umgebaut wird und leider noch nicht wieder geöffnet ist – mit der „Geburtstagsfeier“ zu Ehren Leo Breuers nun hier in unserem schönen Haus in Brühl zu Gast.

Dessen namensgebender Künstler Max Ernst war zugleich ein Zeitgenosse von Leo Breuer. Und obwohl die beiden in unterschiedlichen Kunststilen beheimatet waren, haben ihre Lebensläufe vieles gemein.

Zu nennen ist hier etwa die Liebe zu Frankreich, das Land, in das sie vor den Nazis flüchteten, dann die Neuorientierung in künstlerischer und persönlicher Hinsicht sowie ihr prägender Einfluss auf ganze Künstlergenerationen.

Heute vergeben wir den Leo-Breuer-Förderpreis bereits zum 11. Mal, was uns außerordentlich freut.

In diesem Jahr geht er an eine Preisträgerin, die uns mit ihrem Werk überzeugt hat und die – gerade in dem recht kurzen Zeitraum zwischen der Jurysitzung und unserer Feierstunde – ein weiteres „künstlerisches Manifest“ in die Welt gesetzt hat, nämlich einen neuen kleinen Erdenbürger! Hierzu beglückwünschen wir Sie, liebe Frau Winter, ganz herzlich und freuen uns gemeinsam mit Ihnen und Ihrem Freund über diesen jüngsten Gast an diesem Abend.

Bei aller Freude denken wir in diesen Minuten auch an Jacques Breuer, den Sohn Leo Breuers. Denn diese 11. Verleihung ist zugleich die erste, an der er nicht persönlich teilnehmen kann.

Jacques Breuer gab vor über 20 Jahren den Anstoß zu dieser Auszeichnung. Sie werden sich schon gewundert haben, dass ich ihn heute nicht begrüßt habe, so wie wir ihn all die Jahre zuvor begrüßen konnten, zuletzt anlässlich des 125. Geburtstages seines Vaters im Jahr 2018. Schon damals war Jacques Breuer sehr krank und kämpfte mit den Widrigkeiten seines Leidens. Aber er war da, er war wach und er hat Impulse gegeben, seine Meinung vertreten und das Werk seines Vaters in unnachahmlicher Weise gepflegt und durch viele Aktivitäten gefördert.

Im letzten Jahr, im Juni 2019, hat die Krankheit über ihn gesiegt.

Allerdings nur scheinbar: In Wirklichkeit war Jacques Breuer nie zu besiegen, er hat sich nur einen neuen Wirkungskreis gesucht. Wir sind sehr froh, dass seine Tochter Jacqueline noch gemeinsam mit ihm besprochen und vereinbart hatte, das künstlerische Erbe ihres Großvaters dem LVR-LandesMuseum in Bonn und dem Landschaftsverband Rheinland anzuvertrauen.

Jacques Breuer hat in den letzten Tagen seines Lebens noch ganz bewusst die beiden Kunsthistorikerinnen des LandesMuseums, Frau Dr. Uelsberg und Frau Dr. Käss, zu sich gerufen und mit ihnen verabredet, wie das Werk des Vaters in gute Obhut kommt und in die Zukunft hinein betreut und gepflegt werden kann. Dies war sein letzter Akt, in dem er unter Beweis stellte, wie sehr ihm das Werk seines Vaters als ideelles Vermächtnis am Herzen lag. Für dieses Vertrauen danke ich Jacqueline Breuer im Namen des Landschaftsverbandes Rheinland sehr herzlich und verspreche ihr, dass wir Sorge tragen werden, das Werk Leo Breuers wie die Erinnerung an ihren Vater Jacques in Ehren zu halten und würdig zu begehen.

Manche von Ihnen, meine Damen und Herren, werden Leo Breuer und seine Vita sicher sehr gut kennen, es wird aber auch einige geben, die heute vielleicht zum ersten Mal von dem Menschen und Künstler Leo Breuer hören. Deshalb erlauben Sie mir einige Gedanken zu Leo Breuer.

Er selbst hat zum Beispiel nie einen Preis zuerkannt bekommen und sein Leben verlief zudem alles andere als gradlinig. Es wurde quasi von zwei Weltkriegen durchschnitten; und in beide Ereignisse war er einbezogen.

Leo Breuer kommt 1893 in Bonn-Endenich zur Welt, hineingeboren in eine Familie mit einem strengen Vater. Geprägt mit katholischen Wertvorstellungen und einer fürsorglichen Mutter, die die Kinder hegt und pflegt.

Der Schüler Leo Breuer ist zeichnerisch bereits auffallend begabt, soll allerdings nach Willen des Vaters, wie kann man es anders vermuten, „etwas Richtiges“ lernen. Nach seinem Schulabschluss um 1907 bekommt Leo Breuer daher zunächst eine kaufmännische Ausbildung und ergänzt diese durch eine Weiterbildung zum Reklame-Zeichner. Die Verbindung von Kunst und Handwerk sowie Kunsthandwerk an der Kunstgewerbeschule in Köln ist wie für ihn gemacht und er nutzt alle Möglichkeiten, die sich ihm bieten.

Acht Semester lang studiert er dort und richtet sich tatsächlich schon 1914 in Bonn-Poppelsdorf ein eigenes Atelier ein. Im Sommer 1915 wird er als 21-jähriger Student zum Kriegsdienst eingezogen.

Als Infanterist an der Ostfront eingesetzt, gerät er – vielleicht zum Glück – früh und bis zum Kriegsende in Gefangenschaft. Da auch dem „Feind“ seine zeichnerische Begabung auffällt, wird er für die Lithografeneinheit des kaiserlich-russischen Bezirkskommandos eingesetzt. Das bedeutet für ihn einen mehr als zweijährigen Zwangsaufenthalt in Kasan an der Wolga, aber  auch, weit ab von der Front künstlerisch tätig sein zu dürfen.

Mit 26 Jahren kehrt er 1919 nach Köln zurück, wo seine ersten Gemälde sowie Druckgrafiken und Zeichnungen im realistischen Stil entstehen. Die Bilder der sogenannten „Neuen Sachlichkeit“, die in dieser Zeit bis Ende der 1930er-Jahre entstehen, zählen zu den wichtigsten Werken dieser Kunstrichtung. Der „Kohlenmann“, der in der Dauerausstellung im LVR-LandesMuseum in Bonn zu sehen ist, gehört zweifelsohne zu jenen Werken, ohne die eine große bedeutende Ausstellung dieser Stilrichtung nicht stattfinden kann.

Bei Ausbruch des Zweiten Weltkriegs gerät Leo Breuer ins Visier der Nazis, wird 1940 festgenommen und in zwei französischen Lagern inhaftiert.

Trotz schwerster Bedingungen organisiert Leo Breuer Ausstellungen, zeichnet und aquarelliert Bilder seiner Lagermithäftlinge und wird zu einer Leitfigur unter den Gefangenen, er setzt Impulse und macht Mut.

Nach dem Zweiten Weltkrieg lebt er zunächst in Frankreich und kehrt in den 1960er-Jahren nach Bonn zurück.

Nun malt er abstrakt, hat Kontakte zu den wichtigen französischen Künstlern der Moderne und unternimmt viele Ausstellungskooperationen an unterschiedlichen Orten.

Leo Breuer hat immer einen offenen Blick gehabt für Andere.

Zahlreiche Künstlerkolleginnen und -kollegen hat er maßgeblich in deren Arbeit unterstützt. Für junge Kunstschaffende hatte er immer ein offenes Ohr und für deren Suche nach einem eigenen Weg, nach neuen Formen des Ausdrucks.

Am 14. März 1975 verstirbt er in Bonn.

Danach übernahm, wie eingangs berichtet, sein Sohn Jacques die Verantwortung für das Werk seines Vaters.

In Erinnerung an die besonderen Qualitäten des Œuvre Leo Breuers richtet sich der ihm gewidmete Preis an zeitgenössische Positionen mit Eigenständigkeit und Relevanz, die in der Tradition konstruktiver Kunst neue und nicht angepasste Wege beschreiten.

Daher ist die Bonner Gesellschaft für Kunst und Gestaltung hierbei schon seit vielen Jahren unser Kooperationspartner. Immer zeitgleich zur Verleihung der Auszeichnung präsentiert sie die aktuellen Laureatinnen und Laureaten in ihren Ausstellungsräumen am Hochstadenring in Bonn.

Die Werkspräsentation unserer heute zu ehrenden Künstlerin wurde gestern eröffnet und kann noch bis zum 20. Dezember 2020 in Augenschein genommen werden.

Hierzu darf ich Sie herzlich einladen!

Mein großer Dank für diese besondere Form der guten Kooperation in der Jury und der Ausstellungsrealisierung gilt an dieser Stelle dem Vorstandsmitglied der Gesellschaft für Kunst und Gestaltung, Herrn Dirk Ufermann.

Sie, lieber Herr Ufermann, haben gemeinsam mit der letzten Preisträgerin, Rita Rohlfing, die ich an dieser Stelle ebenfalls gerne hier in Brühl begrüßen möchte, sowie mit Frau Dr. Käss und Frau Dr. Uelsberg unter der Vielzahl an Bewerbungen die Künstlerin ausgewählt, die in diesem Jahr geehrt wird: Denise Winter.

Zu ihrer Entscheidung teilt die Jury mit:

Die Kölner Künstlerin Denise Winter richtet konsequent konzeptuell, zugleich aber auch poetisch den Blick auf Landschaft, Stadt und Architektur und transformiert diese in ihrer ganz eigenen künstlerischen Sprache in Geometrie. Hieraus resultieren Wandarbeiten, Fotoarbeiten, skulpturale Interventionen sowie Rauminstallationen, bei denen oft auch Licht, Projektionen, Video und Klang eine Rolle spielen. Denise Winters Arbeitsprozess beginnt in der Regel mit dem Fotografieren. Aus den entstandenen Bildern pflückt sie gleichsam Ausschnitte von Welt und extrahiert sie.

Aus diesen Extrakten werden Formen und Strukturen, die sich die Künstlerin im Prozess der Werkentstehung aneignet, sie wandelt und in neue visuelle Anordnungen überführt.

Die Jury zeigte sich beeindruckt von der daraus resultierenden, ebenso präzisen wie spielerischen Auseinandersetzung mit der visuellen Erfahrung von Welt, ihren Formen und Strukturen.“

Ihre Kunst und Ihre Arbeitsweise, liebe Frau Winter, wird Frau Dr. Uelsberg uns im Anschluss gleich noch einmal en détail vorstellen.

Ich darf Ihnen, liebe Frau Winter, nun den diesjährigen Leo-Breuer-Förderpreis überreichen und möchte Sie bitten, zu mir nach vorne zu kommen.

Herzlichen Dank!